Der Kern des Settings ist schnell erklärt: Es gab drei Panels von jeweils einer Stunde Dauer, bei der die Betroffenen sexualisierter Gewalt, deren Angehörige und Personen, die mit sexualisierter Gewalt im familiären Umfeld arbeiten, im Mittelpunkt standen. Moderiert wurden die Panel im Wechsel von jeweils zwei von den sieben Mitgliedern der Aufarbeitungskommission.

  1. Was haben Betroffene erlebt? Wie geht es ihnen heute?
  2. Wie haben Angehörige gehandelt?
  3. Welche Rolle spielen Institutionen bei der Aufarbeitung und Prävention?

Begleitet wurden die Berichte der Betroffenen von Grußworten, einem Vortrag und Statements aus dem Publikum. Gesamtdauer: 7 Stunden einschließlich Pausen.

 

Die Reproduktion der DNA des Traumas

Es war von allem viel zu viel, viel zu schnell und viel zu heftig. Trauma eben. Bereits im ersten Panel haben die beiden Betroffenen von so viel Horror aus ihrer Kindheit im Detail berichtet, dass es eigentlich den Rest des Tages gebraucht hätte, um das Gehörte zu verarbeiten und den eigenen Gedanken und vor allem den eigenen Gefühlen Raum zu geben, die das Gehörte in der eigenen Vorstellungswelt und damit im eigenen Körper an Gefühlen und Empfindungen ausgelöst hat. Für mich zumindest. Und ich bin eigentlich ein routinierter Zeuge für biographische Berichte dieser Art. Ein Blick in die Runde, von der Bühne ins Publikum lässt Aktivierungsgrade jenseits der acht vermuten. Manche weinen, manche starren vor sich hin oder schauen aus dem Fenster. Ein Mix aus Horror, Dissoziation und Aktivierung, in meinem Kopf hämmert immer lauter die Frage: Wem nutzt das?

 

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran! Mit „Geschichten, die zählen“?

Die Betroffenen aller Panels erzählen ihre Geschichte nicht zum ersten Mal, es geht also nicht um die Bezeugung schrecklicher und bisher ungehörter und ungeglaubter Kindheitsberichte.

Die Zuhörer hören zum großen Teil solche Geschichten auch nicht das erste Mal, wissen also um die Erfahrungen sexualisierter Gewalt als Kind und hören hier nichts grundsätzlich Neues.

Diejenigen, die diese Geschichten hören müssten, damit sie endlich verstehen, was es bedeutet, sexualisierte Gewalt zu erfahren, um dann die Lebenswirklichkeiten von Kindern durch strukturelle Veränderungen sicherer zu machen, sind nicht auf dieser Veranstaltung. Wer meiner Meinung nach alles im Publikum sitzen und zuhören müsste, habe ich in meinem Artikel „Ein Kätzchen, kein Tiger“ aufgelistet.

Auch diejenigen, die den heute erwachsenen Betroffenen sexualisierter Gewalt helfen könnten, indem sie die Neuregelung des Opferentschädigungsgesetzes realisieren, sind auch nicht anwesend.

Wer ist also auf der Veranstaltung, der oder die durch das Anhören der Panels

  1. Grundsätzlich etwas Neues über sexualisierte Gewalt erfährt, oder
  2. Durch das Anhören der Berichte den Impuls bekommt, die Lebenswirklichkeit von Menschen konkret zu verändern?

Offensichtlich niemand. Zu welchem Zweck sind eigentlich die Journalisten gekommen?

 

Die 4. Gewalt mit Schreibhemmung?

Die Tagesschau berichtete über die Anhörung. Das sie stattgefunden hat. Einordnung der Fakten? Fehlanzeige. Kritik an der gegenwärtigen Politik? Fehlanzeige. Kritik an der Veranstaltung? Fehlanzeige. Eine Meldung. Das war’s. Und was sieht der Zuschauer zu Hause am Bildschirm? Die Bundesregierung, die macht was!

 

Apelle, Apelle, Apelle

Besonders im Anschluss an das letzte Panel wurden Apelle aus allen Richtungen laut. Mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Gerechtigkeit, mehr Handhabe. Irgendjemand schlug vor, die geäußerten Forderungen an Politik und Gesellschaft in der Tradition von Luthers Thesen an das Brandenburger Tor zu schlagen. Wäre der Umgang von Politik und Gesellschaft mit den Betroffenen sexualisierter Gewalt nicht traurig und tragisch zugleich, hätte ich das witzig finden können. Es ist aber nicht witzig. Es ist die große Hilflosigkeit, die sich in diesem Vorschlag entlädt, weil klar wird, dass die Diskussion keine Konsequenzen haben wird und die Adressaten des Zorns und der Ohnmacht nicht zuhören, weil sie nicht da sind.

Hier wird beim Benennen der Missstände Energie aufgebaut und entladen, die an die Verantwortlichen dieser Missstände adressiert werden müsste. Psychohygiene.

 

Sprechen hilft! Immer?

Ein Publikumsbeitrag hat sehr genau erkennen lassen, wie das Sprechen über sexualisierte Gewalt die Tür zur Hölle erst so richtig aufstoßen kann. Wenn Täter clever sind, gute Anwälte und keine Angst vor der Eskalation haben, kann beobachtet werden, wie sehr unsere Gesetze geeignet sind, die Täter zu schützen. Sprechen hilft? Kommt darauf an mit wem und wer noch so zuhört. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Rechtsanwalt und Fachberater.

 

Searching for Gold

Es ist ein Novum, das der Staat eine Veranstaltung organisiert, in dem Betroffene sexualisierter Gewalt aus dem familiären Kontext gehört werden. Und was bedeutet das? Mein Kommentar zur Arbeit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs steht in DER FREITAG.

 

Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht.

Es sind weitere Anhörungen in diesem Format geplant, aber hoffentlich nicht mehr so, dass die Beteiligten retraumatisiert werden. Das betrifft die Sprecher gleichermaßen wie die Zuhörer.

Wie auch immer die Kommissionsmitglieder geschult wurden, um solche Anhörungen durchzuführen, das Ergebnis ist ein Desaster. Die Moderatoren haben durch ihre Gesprächsführung die Betroffenen direkt in das toxische Material hineingeführt. Wozu soll das an dieser Stelle gut sein? „Erzählen Sie mal“ bedeutet im Kontext von Trauma: Die Handgranate auf den Tisch legen und den Zünder auslösen.

Es braucht Zeit, um diese Berichte zu erzählen und zu hören und es braucht kleine Portionen, die dann auch von allen verdaut werden können.

Die Auflösung der ungewollten Intimität zum Täter oder zur Täterin gelingt über die Betrachtungsweise der Beziehung aus der heutigen Erwachsenenperspektive und nicht, wie irrtümlich oft angenommen, nur durch das Berichten der Tatdetails. Der Genesungsschritt wird durch das Beobachten des Kinderschmerzes vollzogen und nicht dadurch, wieder und wieder selbst zum Kind und zum Schmerz zu werden.

Die ewigen Endlosschleifen des Schmerzes aus der Vergangenheit helfen niemandem.

 

Genderwise

Wieso sind alle fünf Sprecherinnen der ersten beiden Panels Frauen? Laut Sabine Andresen, der Vorsitzenden der Kommission, sind die etwa 500 Menschen, die sich für die vertraulichen Anhörungen gemeldet haben, zu etwa gleichen Teilen Männer und Frauen. Aus diesem Personenkreis wurden die Menschen angesprochen, ob sie sich nicht vorstellen könnten, auf dem öffentlichen Hearing zu sprechen. Warum keine Männer?

 

Wenn wünschen helfen würde

Was mir auf der Veranstaltung gefehlt hat war die Benennung der Lösungen, die es nämlich auch gibt. Das es Zusammenhalt zwischen den Betroffenen gibt, dass die in der Kindheit verursachten Schäden bearbeitet, gemildert und im besten Falle vollständig ausgeheilt werden können, dass es möglich ist zu lernen, mit den biographischen Elementen der Gewalterfahrung zu leben. Und zwar ein gutes Leben zu leben. Jenseits des Überlebens.

Das kann aber nur gelingen, wenn eine individuelle und kollektive Bewegung in Richtung Lösung, in Richtung Ressourcen, in Richtung Zukunft gemacht wird.

Die Entwicklung von Opfer-Identitäten verhindert das. Wenn Betroffene sexualisierter Gewalt zu ihrer Geschichte werden und nur über den Status als Opfer Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren, dann wird es sehr schwierig, diese Geschichte wieder loszulassen, weil damit so viel Identität, Kontakt und Zuwendung verbunden ist.

Die Zukunft wird zeigen, ob eine politische Arbeit von Betroffenen mit staatlichen Organen möglich ist, ohne der Vergangenheit zu erlauben, den Tanz durch den Schrecken zu führen und die Alpträume der Kinder in der Gegenwart Wirklichkeit werden zu lassen.