Kann ich guten Gewissens und voller Freude durch ein Land reisen, das eine absolute Monarchie ist, in dem ein großer Teil der Frauen heute noch beschnitten werden und das in punkto Pressefreiheit im internationalen Vergleich einen der hinteren Plätze belegt? Ich kann! Und es ist eine wunderbare Zeit in dem Land ohne Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll, zumindest was das öffentliche Leben betrifft.

 

Dresscode in schwarz/weiß

Als Abstract klingt meine Landesbeschreibung so: Die Männer tragen den weiße Dishdasha, einen knöchellangen Umhang, die Frauen tragen die schwarze Abay, einen bodenlangen Umhang, die Männer immer mit Kopfbedeckung, einer runden Kappe (Kumma) oder ein um den Kopf gewickeltes Kaschmirtuch (Massar), die Frauen immer mit einem Kopftuch (Lahaf) und meist mit Gesichtsschleier (Burka). Auf dem Land tragen die Beduinenfrauen häufig Gesichtsmasken (wie die Frau auf dem Foto unten rechts). Auf der Flaniermeile in Maskat sind als seltene Ausnahme auch junge Frauen mit offenen Haaren und mit Jeans, T-Shirt und Turnschuhen zu sehen.

 

Zwischen einer handvoll Kamele und ein paar hundert Pferdestärken

Die Farben liefert die Wüste. 1001 Nuancen Sand. Bis zum Horizont und noch weiter. Der Tagespreis für ein Teenager-Kamel wurde mir auf dem Viehmarkt auf dem Land mit 350 Euro beziffert, was die jungen Männer in der Hauptstadt für ihre AMG-getuneten Mercedes-Benz bezahlen, weiß ich nicht. Innerhalb dieser Kultur prallen Welten aufeinander. Außerhalb Maskats dominiert das viele Nichts zwischen den Ortschaften und Bergen. Vier Millionen Menschen auf der Fläche Deutschlands. Ab Tempo einhundertzwanzig piept der Tacho des Mietwagens. Die gesetzliche Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen ist erreicht. Bei manchen Schlaglöchern der Landstraßen ist es ganz gut, nicht schneller unterwegs zu sein, dort ist ohnehin nur achtzig erlaubt. Die Omanis haben die Piepser ihrer Autos wohl stillgelegt. Wir sind meist die Überholten.

 

Ein Campingplatz, so groß wie Deutschland

Hier kann man überall sein Zelt aufbauen, ganz legal, über Camper wundert sich hier niemand. Unterwegs sein mit dem Zelt; das machen die hier seit Jahrhunderten. Wo kommt ihr her und wo geht ihr hin, sind die Fragen, die uns immer gestellt werden. Nomaden-Small-Talk.

 

Von Omanis und Indern, Frauen und Männern und ein paar Expats

Europäer sind im Oman nur wenige anzutreffen, die meisten sind aus beruflichen Gründen hier und die wenigen anderen sind an den touristischen Hot-Spots unterwegs. Die Trennung der omanischen Gesellschaft hat verschiedene Schnittstellen. Eine verläuft zwischen Omanis und Gastarbeitern (sic!), letztere machen etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung aus und sie kommen meist aus Indien oder Bangladesch. Hier ist ganz klar, wer kocht und wer kellnert. Am unteren Ende der Hierachie steht immer ein Ausländer. Beim Autos waschen, Regale einräumen oder Garten pflegen habe ich keinen Omani sehen können.

Eine andere verläuft zwischen Männern und Frauen. Wir waren an Orten, an denen am Abend hunderte von Männern zu sehen waren, aber keine Frauen. Keine! Männer bei der Arbeit, Männer beim Tee, Männer beim Einkaufen. In den größeren Städten sind die Frauen sichtbarer. Je nach sozialem Status als Berufstätige in Niedriglohn-Sektoren oder an der Seite ihrer Männer oder anderer Familienmitglieder. Vereinzelt steigen aber auch selbstbewusste omanische Frauen mit dem Handy am Ohr in ihre SUV’s, gerne in der Zylinderklasse sechs aufwärts, während die indischen Supermarktangestellten die Einkäufe im Wageninnern verstauen.

Manche omanische Frauen vereinen in ihrem Outfit Abaya, Kopftuch und High-Heels, die bei jedem Schritt unter der Abaya hervorlugen. Dazu die Lippen rot geschminkt. Die Codes sind andere als in Europa. Es ist offensichtlich, dass sich die Frauen den Männern unterzuordnen haben, aber im Gegensatz zu Deutschland ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit im Gesetz verankert. Für manche frauendominierte Studiengänge gibt es eine Männerquote.

 

Der unsichtbare Albtraum namens Tradition

Ich bin gerne in diesem Land und sehr eingenommen von der Schönheit der Natur und der Herzlichkeit der Omanis und weiß gleichzeitig um die Barbarei, die hier den Mädchen und Frauen angetan wird. Ein großer Teil der Mädchen wird direkt nach der Geburt beschnitten, zuverlässige Zahlen existieren nicht. Das Tabu ist stabil, einer Umfrage nach wissen ca. 10% der Frauen nicht, ob sie beschnitten sind oder nicht. Im Oman ist die Beschneidung von Mädchen gesetzlich verboten, die Genitalverstümmelungen finden im Verborgenen statt.

So gehe ich an den Frauen vorbei und versuche etwas zu sehen, was unsichtbar ist. So wie ich in Deutschland vor Schulklassen stand und mich fragte: Wer sind die statistischen fünf Kinder in dieser Klasse, die sexualisierte Gewalt erleben?

 

Im anderen erkennen wir unsere eigene hässliche Fratze

So lasse ich meine Erfahrungen, mit den Menschen im Oman und die Informationen über die durch Tradition und Religion tief dieser Gesellschaft verankerte schwere Körperverletzung an Mädchen, gleichzeitig ihren Raum einnehmen. Der Zeigefinger des Besserwissers aus Europa verspürt keinen Impuls sich zu heben. Dafür sind mir die Barbareien meiner eigenen Kultur in den letzten Jahren in der Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in Deutschland zu schmerzlich bewusst geworden. Gewalt gegen Schwächere ist eine Epidemie, keine Ausnahme.

 

Legale, Illegal, scheißegal? Die Schnippelei an den Kindern hat auch in Deutschland ihre Paten

Die Beschneidung eines Jungen hat weit weniger tragische Konsequenzen für das beschnittene Kind als die Beschneidung eines Mädches, keine Frage, dennoch ist es nach meiner Auffassung eine schwere Körperverletzung, wenn keine medizinische Indikation vorliegt. Im Jahr 2012 hat der Bundestag ein Gesetzt verabschiedet, nachdem die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen legal ist, bei Jungen unter sechs Monaten darf die Beschneidung sogar von einer Person ausgeführt werden, die keine ärztliche Qualifikation hat. Das erinnert an die Zeit, als Säuglinge noch ohne Narkose operiert wurden, weil die Mediziner davon ausgingen, dass Säuglinge noch kein Schmerzempfinden haben. Heute weiß man es besser und trotzdem erhält ein Kind unter sechs Monaten weniger Schutz durch den Gesetzgeber als ein älteres Kind. Aufschrei aus der Bevölkerung? Fehlanzeige. Beim reflexartigen Pseudoverständnis für religiöse Sensibilitäten setzt das aufgeklärte Denken aus.

Die Amputation eines gesunden Körperteils bei einem Säugling ist in Deutschland also aus religiösen Gründen erlaubt. Und das in dem Land, in dem Politiker gerne „Rechtsstaat“ und „Menschenrechte“ sagen. Seit ein paar Jahren sagen manche sogar gerne „Kinderrechte“.

Dass in Deutschland Mädchen genau so illegal beschnitten werden wie in anderen Ländern ist bekannt, eine Lobby haben diese Mädchen nicht. Getan wird wenig, wie so oft bei Gewalt gegen Kinder.

 

Sexistische-Attacken-Pause in Arabien

Meine Reisebegleiterin fühlte sich im Oman allerorts respektvoll behandelt. Unangemessenes und übergriffiges Männerverhalten, wie es in Deutschland zum Alltag von Frauen gehört, ist hier undenkbar. Keine sexualisierende und grenzverletzende Ansprache in der Öffentlichkeit, keine Pfiffe, keine Kommentare, keine Abfälligkeiten. Was an den omanischen Männern erwähnenswert wäre, frage ich sie. Die Antwort: Dass sie gut duften, sogar beim Fußballspielen. Und Fußball ist hier eine große Sache. Abends reihen sich am Strand Fußballfeld an Fußballfeld.

 

Es ist die eigene Nase, die am nächsten ist

Mein Resümee aus dieser Reise ist, dass ich durch die Barbarei der anderen die meiner eigenen Kultur wieder bewusster wahrnehme. Und dass ich weiter dazu beitragen möchte, den Saustall unserer eigenen Gesellschaft auszumisten. Und dass dies kein Widerspruch dazu ist, gerne in Deutschland und mit seinen Bewohnern und Bewohnerinnen zu leben. Und eines ist ganz sicher: Dass ich wieder einmal durch Arabien reisen möchte.