Trauma erzeugt Trauma.

Man lernt sich kennen, in diesen zwei Stunden. Michèle und die Menschen, die auf die Leinwand schauen. Gespielt wird das Alpha-Weib von Isabelle Huppert, der ganze Film lebt von ihr und Ihrer hervorragenden Darstellung einer Frau, die eine Firma für Computerspiele besitzt. Solche Computerspiele, bei denen Fantasiemonster mit ihren Tentakeln in die Hirne und Geschlechtsteile ihrer weiblichen Opfer eindringen. Sie ist der „Boss“, wie sie vor ihrer Versammelten Mannschaft aus jungen Spieleentwicklern unmissverständlich mitteilt. Die einzige andere Frau im Team ist ihre Geschäftspartnerin Anna, mit dessen Mann Michèle ein heimliches Verhältnis hat. Michèles ganzes soziales Umfeld ist eine Ansammlung von zufällig bis vorsätzlich entgrenzten Menschen, von denen jeder und jede irgendwie ums psychische und manche von ihnen auch ums wirtschaftliche Überleben kämpft. Michèles mitteloser Ex-Mann, ihr erwachsener Sohn, der nicht sehen kann, dass das schwarze Baby seiner Freundin nicht seins sein kann, Michèles Mutter, die einen jungen Call-Boy heiratet und ihr Vater, der im Gefängnis sitzt, seit er ein Blutbad angerichtet hat. Zu diesem Zeitpunkt war Michèle zehn Jahre alt, es wird ein Foto eingeblendet, auf dem das Mädchen ins Leere starrt. Dieser Moment ist der Anfang von Paul Verhoevens Anamnese seiner Protagonistin, die ab diesem Zeitpunkt der Bluttat ein Leben in Fragmenten managen muss.

 

Sexualisierte Gewalt auf Gänsehautniveau

Der Film steigt stark ein. Die Vergewaltigung ist in vollem Gange. Sie ist nur zu hören, die Leinwand bleibt schwarz. Der Alptraum findet im Dunkeln statt. Die Gehirne der Zuschauer müssen die Bilder zu den Geräuschen des Kampfes und der sprichwörtlich schreienden Ohnmacht selbst produzieren. Der Soundtrack ist das Werk eines Profis, das Hirn liefert die Bilder sofort. Außer den Akteuren auf der Leinwand atmet niemand mehr. Was ein Aufschlag.

Michèle hat von der Vergewaltigung Flashbacks, während derer sie die Neuverhandlung der Attacke versucht. Sie stellt sich vor, wie sie den Angreifer abwehrt und mit einer Vase mehrfach auf den Kopf schlägt, bis dieser von ihr ablässt. Für den Zuschauer sind diese Szenen eine starke Stimulation, weil erst nach dem Flashback erkennbar wird, dass es sich nicht tatsächlich um eine erneute Vergewaltigung gehandelt hat.

 

Täter – Opfer – Dynamik

Michèle zeigt die Vergewaltigung nicht an. Sie badet, sie lässt sich medizinisch untersuchen, sie bewaffnet sich und sie spricht mit ihren Freunden darüber. Dass der Täter ihr Nachbar ist, ahnt sie nicht. Bei der zweiten Attacke, die wieder in ihrem Haus stattfindet, reißt sie ihm die Ski-Maske vom Gesicht, erkennt ihn und jagt ihm eine Schere durch die Hand, die sie von ihrem Schreibtisch ergattern konnte, woraufhin er flüchtet. Am nächsten Tag begegnen sie sich auf der Straße vor ihren Häusern. Er hat die Hand verbunden, Michèle steht hinter dem schmiedeeisernen Tor ihres Hauses, sie schauen sich an. Sprachlos. Keine Gesten, keine Mimik. Realistisch? Ich finde: Ja. Diese Szene ist eine von vielen, die an dieser Stelle stattfinden könnten. Verhoeven hat sich für die verstörendste der möglichen Varianten entschieden. Maximaler Gruselfaktor. Sie weiß nun, wer der Täter ist und tut – nichts was man von ihr erwarten würde. Im weiteren Verlauf des Films hält Michèle Kontakt zum Täter, führt mit ihm nachbarschaftliche Gespräche auf der Straße und geht mit ihm alleine in den Keller seines Hauses. Als Zuschauer wird es an dieser Stelle schwierig auf dem Sitz zu bleiben. Und was passiert? Der nächste Übergriff findet statt. Was sonst?

Michèle fragt ihren Peiniger nach dem Warum. „Weil es notwendig war“, antwortet dieser.

Der letzte Überfall am Ende des Films ist dem allerersten ganz ähnlich. Der maskierte Täter dringt in Michèles Haus ein, schlägt sie brutal ins Gesicht, wirft sie nieder und will sie vergewaltigen, als eine raffinierte Kamerafahrt durchs Haus deutlich werden lässt, dass sich noch jemand im Haus befindet, der auf die Schreie aufmerksam geworden ist. Dieser Jemand ist Michèles Sohn Vincent, von dem die Zuschauer nicht wussten, dass er sich im Haus aufhält. Vincent greift einen harten Gegenstand und schlägt auf den zwischen Michèles Beinen knienden Täter ein. Unter der Ski-Maske quillt Blut hervor, das letzte Wort richtet der Täter an Michèle: „Warum?“

Vincent kollabiert, als er realisiert, dass er den Vergewaltiger seiner Mutter getötet hat. Aus der Zuschauerposition macht sich Erleichterung breit, Michèle wirkt eher emotionslos, abgeschnitten, eine Frau mit einem scharfen Verstand, manchmal funktionierenden Instinkten und einem Zugang zu basalen körperlichen Bedürfnissen. Als ihre Freundin Anna sie weinend fragt, warum sie ausgerechnet mit ihrem Mann schläft, antwortet Michèle: „Weil ich flachgelegt werden wollte.“

An einem Punkt bleibt der Film schräg. Dem Zuschauer wird angeboten, dass Michèle in das mit der Vergewaltigung begonnenen Dynamik zum Täter in ein Spiel mit diesem einsteigt. Als sie bereits weiß, wer ihr Vergewaltiger ist, folgt sie ihm in dessen Keller. Als sie sich nicht mehr gegen seine Schläge wehrt und sich seinen Attacken auf dem Rücken liegend hingibt, sagt er zu ihr: „So geht das nicht.“ Daraufhin ohrfeigt sie ihn heftig, was ihn provoziert und er die Vergewaltigung fortsetzt. Aus der Dynamik des Traumas beginnt hier eine Sequenz, die beim weniger geistig talentierten Zuschauer die Fantasie hervorrufen könnte, dass „sie“ es eigentlich auch wollte.

 

Von nackten Ärschen und Brüsten

Verhoeven balanciert gekonnt die Nacktheit der gezeigten Körper aus, ohne das es inszeniert wirkt. Frauenbrüste und Rücken. Männerärsche. Die Darstellenden sind ästhetisch aber nicht sexy. Ein Ensemble, das so professionell in Szene gesetzt ist, dass es aus dem echten Leben entsprungen sein könnte.

Auch bei den Demütigungen halten sich Männer und Frauen irgendwie die Waage. Besonders pointiert ist die Szene, in der Michèle einen jungen Mitarbeiter in ihrem Büro die Hose herunterziehen und sich von ihm seinen Penis zeigen lässt. Im Gegenzug wird er von ihr nicht gefeuert, nachdem er auf seinem Computer eine Animation erstellt hat, die Michèles Gesicht bei einem weiblichen Opfer der Computerspielchoreographie zeigt.

 

Stirb‘, Klischee

Der Film räumt mit einem Klischee über Gewaltopfer kompromisslos auf: Ein Mensch der Schreckliches erlebt (wie Michèle als 10-jähriges Mädchen), der besonders mit anderen Menschen Schreckliches erlebt (ihr Vater richtet das Blutbad an und Michèle ist dabei anwesend), wird auf Grund des eigenen Schreckens nicht naturwüchsig ein guter Mensch, weil er ja weiß, wie es sich anfühlt, Schreckliches erlebt zu haben und das niemandem selbst antun will. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Menschen mit durch Traumata zerstörten Grenzen verlieren das Gefühl für ihre eigenen Grenzen und für die Grenzen anderer. Wenn hier keine Heilung stattfindet, setzt sich auf der einen oder anderen Ebene sehr wahrscheinlich die Gewaltspirale in Gang und der Horror dehnt sich aus. Das bedeutet nicht, dass der Vergewaltigte zum Vergewaltiger wird und die Geschlagene zur Schlagenden. Das Menschenhirn wird mit so viel Simplizität beleidigt.

 

Die Moral von der Geschicht‘

Die Stärke des Films ist auch seine Schwäche. Es wird nichts erklärt, nichts pädagogisiert und nichts moralisiert. Welch eine Entlastung! Das war mein erster Gedanke, begleitet von einer tiefen, erleichterten Ausatmung. Mein Dank richtet sich an Paul Verhoeven, der mich selbst denken und fühlen lässt. Wer die Dynamiken des Traumas nachvollziehen kann, bekommt hier einen flott inszenierte Plot mit einer in ihrer eigenen Liga spielenden Isabelle Huppert serviert, die in allen Szenen zu Recht im Mittelpunkt steht. Verhoeven kommt seiner Protagonistin so nah, dass es verwundert, dass er nicht manchmal selbst mit im Bild zu sehen ist. Die unkundigen Zuschauer werden vielleicht eher kopfschüttelnd das Kino verlassen und Verhoeven einen Hang zum Grotesken und Bizarren unterstellen. Menschen mit traumatischen biographischen Elementen sind nach dem Film wahrscheinlich eher aktiviert und wissen vielleicht nicht so ganz genau, wie sie ihre Aktivierungen zuordnen sollen. Der Film bietet so viele Möglichkeiten an. Die Vergewaltigung ist nur eine der zahllosen Invasionen, die in dem Film abgebildet werden. Mehrere parallele Handlungsstränge fordern die Orientierungsfähigkeit heraus.

ELLE ist ein Original. Prädikat: Fühlenswert. Bitte anschnallen.

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