„Sex – Die wahre Geschichte“

Das Manifest der Polyamorie oder: auch Elend kann humorvoll erzählt werden.

Die Übersetzung des amerikanischen Bestsellers „Sex at dawn“ hat sechs Jahre auf sich warten lassen und ist nun mit einem Vorwort des prominenten deutschen Paartherapeuten Ulrich Clement erschienen. Was fehlt, ist der Epilog, der Lösungen zum großen Rätsel von Mann und Frau anbietet. Dazu später mehr, zunächst zum Buch.

 

Aus „Sex für alle“ wird „meine Frau“ respektive „mein Mann“

Die Geschichte der sexuellen Evolution wird auf rund vierhundert Seiten von der Psychiaterin Cacilda Jethá und dem Psychologen Christopher Ryan humorvoll und informativ erzählt. Sie beschreiben den Wandel des Menschen vom Wildbeuter zum Siedler und Ackerbauer vor ca. 10.000 Jahren als Zeitpunkt des Paradigmenwechsels in Bezug auf die Ausgestaltung der menschlichen Sexualität. Aus der Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses wurde die Instrumentalisierung einer Ressource.

Die Wildbeuter teilten alles. Das war für die umherziehenden Horden der effektivste Weg zu überleben. Da sie auf Wanderschaft waren, gab es keine Formen der Konservierung von Nahrungsmitteln. Was gejagt oder gesammelt wurde, verspeisten sie an Ort und Stelle.

Kurz gesagt verkehrten mehr oder weniger alle Männer mit allen Frauen sexuell. Jedes Kind könnte theoretisch jedem Mann zugeordnet werden. Die Horde sorgte für alle Kinder. Laut den Autoren gibt es heute noch Gesellschaften, die nichtmonogam leben und in deren Sprache es kein Wort für Vergewaltigung oder Krieg gibt.

Mit der Entwicklung zum Siedler wurde der Besitz elementar. Besitz von Land, von Haus, von Gerät. Und es war das Ende der gleichberechtigten Beziehung der Geschlechter. Die Frau wurde zum Besitz des Mannes. Die Zeit der Paarbeziehung begann. Und das Ende der ungehemmten Lust auch. Aus der Zuneigung zwischen Mann und Frau wurde im Laufe der Jahrhunderte ein Prozess, der sich im günstigen Falle als Geschäft und im ungünstigen Falle als Versklavung der Frau entwickelte. Die im Grundgesetz verankerte und steuerlich begünstigte Versorgungsehe sowie Versklavung von Frauen zur sexuellen Ausbeutung sind das vorläufige Endstadium dieser Entwicklung.

Das Buch beschränkt sich auf die historische Beschreibung, die Lösung des Debakels ist nicht dessen Bestandteil oder der Anspruch des Autorenduos. Spannend wird es beim Weiterdenken.

 

Warum die Renaturierung der Sexualität als Sofortprogramm nicht funktionieren kann

Mit der Evolution wurde der Mensch zum Besitzenden und die Kinder verloren ihre Horde. Die patriarchale Großfamilie wurde kein Ersatz dafür, war sie doch das Modell der Kinder für Machtstrukturen und Abhängigkeitsverhältnisse. Das Kind des Herrn oder der Magd wusste sehr bald sehr genau wo seine gesellschaftliche Stellung war und was es in dieser Rolle vom Leben zu erwarten hatte.

Für die Kinder resultiert daraus eine Situation, die sich bis heute manifestiert hat. Ein Leben, das von Invasionen und Verwahrlosung geprägt ist. Die gegenwärtig kultivierte Form der Kleinfamilie oder Ein-Eltern-Erziehung macht es sogar den talentierten und ambitionierten Eltern unmöglich, ihre Kinder angemessen emotional zu versorgen und solange vor Invasionen zu schützen, wie es notwendig ist. Übergriffe in Kitas, Mobbing in der Schule, abschätziges Lehrpersonal, die Liste ist lang.

Wenn dieses Menschenkind dann die Geschlechtsreife entwickelt hat und auf Partnersuche geht, soll genau das alles nicht mehr stattfinden. Das Gegenüber soll immer für einen da sein, immer freundlich und zugewandt, immer alle Wünsche erfüllen und auf keinen Fall so grenzverletzend sein wie die Eltern, Lehrer und andere Invasoren aus der Kindheit.

Das gemeine an dieser Situation: Je mehr Verletzung und Vernachlässigung ein Kind erfahren hat, desto eher wird es in einer Partnerschaft landen, in der sich genau diese Verletzungen und Vernachlässigungen wiederholen. Der Magnetismus des Traumas schlägt mit voller Wucht zu.

Im Umkehrschluss funktioniert es genauso. Die Gesunden finden sich. Und sind einigermaßen glücklich miteinander und sexuell zufrieden. Zumindest eine Weile. Und weil sie über ein gutes Selbstmanagement verfügen, kommen sie mit der Monotonie ihrer Ehe, den gelegentlichen Seitensprüngen ihres Partners oder der seriellen Monogamie ganz gut klar. Aber eine konsistente Antwort auf die Frage nach der adäquaten Ausgestaltung ihres Liebeslebens haben sie in der Regel auch nicht. Sie arbeiten halt viel oder haben anspruchsvolle Hobbies und einen großen Freundeskreis.

Wie viele können glaubhaft versichern: So wie es ist, ist es gut?

 

Die Umstände machen den Menschen als ängstliche Kreatur zur Regel

Dem Menschen der Gegenwart fehlt die Halt gebende und versorgende Horde. Der Mensch der Gegenwart wird durch die Entbehrungen der Kindheit als Erwachsener von seiner Verlustangst tyrannisiert. Der unbewusste Mensch erkennt diese Angst nicht als einen Teil von sich an, sondern projiziert sie auf seine Partnerin oder seinen Partner. Er oder sie könnte verlassen, verletzen oder einfach nicht genug sein. Eifersucht, Kontrolle und Gewalt sind das Ergebnis. Liebe und Lust verabschieden sich.

Erkennt das der Erwachsene, nachdem er Elternhaus, Schule und Peer-Group überlebt hat, stehen die Chancen auf ein erfülltes Leben eigentlich ganz gut.

 

Die Rückkehr zum Wildbeuter

Entscheiden sich Menschen heute dafür, ihre Besitzansprüche gegenüber dem Partner aufzugeben und das Gegenüber als jemanden zu sehen, mit dem sie sich gemeinsam entwickeln können und nicht mehr als Bedürfnisbefriedigungspersonal und Invasionsverhinderer, wird eine Aufgabe zentral: Die Verletzungen aus der Kindheit zu heilen. Das bedeutet, sich der erfahrenen Invasionen zu stellen, die damals nicht gefühlten Gefühle zu fühlen und dadurch die Vergangenheit zu integrieren. Dann kann damit aufgehört werden, die alten Geschichten immer wieder zu wiederholen und gleichzeitig zwanghaft zu versuchen, die Wiederholung zu vermeiden. Ein Dilemma in der Endlosschleife.

Die Vernachlässigungen der Kindheit anzuerkennen und zu integrieren ist ebenso eine lohnenswerte Aufgabe, weil wir dann aufhören können im Mangel zu leben und die Befriedigung dieses Mangels nicht mehr an unsere Partner beauftragen müssen. Wir können dann aufhören, uns unserem Partner gegenüber wie ein Kind zu verhalten, das endlich auf den Arm genommen werden will.

Wenn wir uns selbst Halt geben können, wenn wir uns selbst lieben können, wenn wir uns selbst genug sind, dann kann unser Partner und dann können wir: Frei sein. In allem, auch in der Sexualität.

 

Polyamor zu leben, heißt erwachsen zu werden

So könnte die These lauten, was nur bedeuten würde, den christlich und ökonomisch gestützten Ideologien der Monogamie eine gegensätzliche hinzuzufügen. Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch die erdrückende Beweislast, dass Monogamie nicht funktioniert. Laut den Autoren von „Sex – Die wahre Geschichte“ ist die Liebeszufriedenheit derer höher, die sich vom monogamen Konzept abgewendet haben. Monogamie bedeutet nämlich, dass das Paar ein aktives Sexualleben führt. Wie Bruder und Schwester nebeneinander im Bett zu liegen ist nicht monogam, das ist zölibatär. Die Funktionalität von Konzepten beweist sich ja zum Glück erst in der individuell ausgestalteten Wirklichkeit. In diesem Falle in der Zufriedenheit mit dem eigenen Sexualleben.

Es gehört zum Menschsein, mit unbeantworteten Fragen auf der Suche nach Antworten zu sein. Manchmal ändern sich die Fragen, manchmal die Antworten. Das ist in der Sexualität genauso wir in allen anderen Lebensbereichen.

 

Wer sich für die Integration von Kindheitsverletzungen interessiert, dem sei die Arbeit des – entschieden monogamen Paares – Dr. Thomas und Gitte Trobe ans Herz gelegt. Die beiden Autoren und Seminarleiter haben die Heilung der als Kind erfahrenen Verletzungen zu ihrem zentralen Thema gemacht. Sie definieren diesen Heilungsprozess als Grundlage für eine reife Partnerschaft.

Eine entspannte Perspektive auf das Spannungsfeld der Paarbeziehung stellt Ulrich Clement zur Verfügung. Besonders gefallen hat mir „Wenn Liebe fremdgeht“. Clement entdramatisiert in diesem Buch die Katastrophe Seitensprung und zeigt den Beteiligten Möglichkeiten des Umgangs damit auf.

Für wen die verschiedenen Beziehungsformen kein Thema ist, der oder die aber seine Sexualität tiefer erforschen möchte, dem sei „Slow Sex – Zeit finden für die Liebe“ von Diana Richardson empfohlen. Richardson erforscht die Erfahrung des entschleunigten Sex ohne Ziel. Nachahmenswert.