100% Action.

Es werden Geschlechtsteile geleckt, massiert und mit Sexspielzeug bearbeitet. Es werden die heißesten Klamotten getragen, Brüste operiert und Muskeln aufgebaut. Es wird in allen Stellungen gevögelt, mit den raffiniertesten Techniken versucht sexuelle Hitze zu erzeugen und mit erotischem Bildmaterial die Synapsen im Hirn befeuert. Je nach sexueller Identität wird tantrisch im Yab Yum Sitz Feuer geatmet, im Swinger-Club die Partner getauscht und auf Mainstream Sex-Partys beim Gang-Bang die Kopulationsfrequenz maximiert. Oder es wird das gemacht, was man schon immer Sonntagsmorgens im ehelichen Schlafzimmer macht. Wie Bratkartoffeln. Immer gleich. Immer lecker.

Mit Erfolg? Mal mehr, mal weniger. Mal bringt ein neues Spiel oder ein neues Spielzeug die Akteure in Stimmung, mal versagen die gebündelten Aktivitäten und die sexuelle Lust lehnt die Einladung ab, sich in ihrer vollen Blüte zu entfalten. Hilft zu Beginn einer sexuellen Beziehung das körpereigene Hormon Dopamin der Lust auf die Sprünge und kompensiert Dissonanzen und Fragmentierungen, drängeln sich im Laufe der Zeit die unbearbeiteten Themen in den Vordergrund. Was tun?

Vor den Schnellstart-Empfehlungen zu einer lustvollen Sexualität nach traumatischen Erfahrungen möchte ich ein paar Zusammenhänge und Beobachtungen anbieten.

 

Lustlosigkeit erzeugt Scham und Leere

Wenn alles getan wurde, um eine lustvolle Sexualität zu entwickeln und sich aber die Freude daran einfach nicht einstellen will, geht das häufig einher mit einem Gefühl von großer Scham. Nicht gut zu sein. Nicht zu funktionieren. Einen Fehler zu haben. Dem Partner oder der Partnerin nicht zu genügen. Nicht mitreden zu können. Und entsteht ein Gefühl von Leere, von Mangel und von Unverbundenheit.

Wenn die sexuelle Ur-Energie des Menschen sich nicht entfalten kann, bleibt ein kraftvoller Teil von uns ungelebt. Die Scham darüber ist oft so groß, dass das Thema ganz schnell wieder verdrängt wird. Manche packen aber auch den Stier an den Hörnern und begeben sich auf eine Forschungsreise.

 

Der natürliche Feind der Lebendigkeit ist das Trauma

Um sexuelle Lust zu empfinden muss der menschliche Körper schwingen können wie ein Instrument. Ein weicher Körper, ein flexibles Nervensystem und ein ruhiger Geist sind die Voraussetzungen um sexuelle Energie zu beherbergen. Damit sie entstehen und bleiben kann. Damit die Liebenden die Gelegenheit haben, die eigenen Schwingungen mit den Schwingungen des Gegenübers zu verbinden. Dazu braucht es die Fähigkeit, sexuelle Energie aufzubauen und zu halten. Der Körper wird bei diesem Prozess warm und vibriert. Die Sinne öffnen sich.

Durch Traumatisierung ist die Schwingungsfähigkeit eingeschränkt worden oder ganz verloren gegangen. Sexuelle Erregung kann nicht mehr von innen heraus oder durch freundliche Einladungen entstehen. Der Mensch bleibt kalt. Das Nervensystem ist erstarrt. Wie eine gefrorene Gitarrenseite. Oder die Person befindet sich durch die Traumatisierung in einem dauernden Zustand der Übererregung. Dadurch kann die sexuelle Energie zwar in Erscheinung treten, aber sich nicht entfalten. Es ist einfach viel zu viel Energie im menschlichen System. Vorzeitige Ejakulationen und ein Zustand von Unzufriedenheit und Leere trotz Orgasmen sind die Folge. Findet die viel zu starke Erregung des Gesamtsystems während der sexuellen Aktivität keinen Halt, sucht sie sich einen anderen Kanal zur Entladung. Dauergequassel im Bett oder gedankliche Überbeschäftigung mit dem nächsten choreografischen Schritt des Liebesspiels sind die Symptome dieser Dysbalance.

 

It needs two to Tango

Beide an der gemeinsamen Sexualität beteiligte Partner (ich gehe jetzt mal klassischer Weise von zweien aus) müssen in sich schwingungsfähig sein, um mit dem anderen in eine sexuelle Resonanz zu kommen und gemeinsam ein energetischer Köper zu werden. Wenn einer der Tanzenden plötzlich stehen bleibt oder die Tanzfläche verlässt, funktioniert es nicht.

Es gibt auch symbiotische Formen des gemeinsamen Schwingens, bei der ein Partner sehr wenig schwingt und der andere in einem Zustand der Übererregung ist. Bei dieser Konstellation regulieren sich beide über den jeweils anderen, schwingen aber nicht wirklich miteinander. Es ist dann so, dass einer das Übermaß an Energie nutzt, um selbst in Schwingung zu kommen und der andere das Energiedefizit braucht, um seine übermäßige Energie abzuleiten.

 

Ein Blick hinter die Kulissen

Die Lösung des Dilemmas liegt im Wiederfinden unserer inneren Balance. Dabei ist die Bearbeitung des eigenen traumatischen Materials ist ein wesentlicher Schlüssel. Dabei ist es eher unerheblich, welche Ursachen unsere persönlichen Traumata haben. Entscheidend ist die Wiederherstellung der natürlichen Flexibilität unseres Nervensystems und damit verbunden die Wiederherstellung unserer vollen Empfindungsfähigkeit.

Sind andere Menschen an unseren Traumata als Verursacher beteiligt, haben wir es mit einer komplexen Situation zu tun, weil Vertrauensverluste und Enttäuschungen bearbeitet werden müssen.

Ist sexualisierte Gewalt ursächlich für die Traumatisierung, muss differenziert werden zwischen Gewalt und Sexualität. Das bedarf etwas erhöhter Aufmerksamkeit. Und manchmal auch Durchhaltevermögen und Geduld.

Je mehr Ähnlichkeiten zwischen der traumatisierenden Situation und einer erwachsenen Sexualität in Erscheinung treten, desto umfangreicher gestaltet sich dieser Bearbeitungsprozess, desto mehr und umso heftigere „Trigger“ werden bei sexuellen Aktivitäten ausgelöst.

 

Unterkomplexität als Kompassnadel

Die Gebrauchsanweisung für mein neues Lap-Top hat 457 Seiten. Die Schnellstart-Variante besteht aus acht Bildern. Das reicht aus, um loslegen zu können, wenn man ungefähr weiß, wie ein Computer funktioniert und sich auf der Benutzeroberfläche zurechtfindet.

 

Sex & Trauma im Schnell-Start-Menü

Die Genesung von traumatischen Erlebnissen und die Entwicklung einer Sexualität, die der jeweiligen Person gemäß ist, bedeutet nicht weniger, als die Deutungs- und Handlungshoheit über das eigenen Sein zurückzugewinnen.

  1. Alles weiter machen, was Freude bereitet.

Alles, was Freude macht, alles, was Lust bereitet, alles, was sich angenehm anfühlt, alles, was entspannt, alles, was Kontakt und Verbindung zu mir selbst und meinem Gegenüber herstellt, kann und soll fortgesetzt werden. Auch, oder gerade dann, wenn diese Liste der positiven Erlebnisse ganz kurz ist. Besonders, wenn Sexualität und Körperlichkeit als problematisch erlebt werden, gilt es, das Gold im Dreck zu finden. Um zu erleben, dass es grundsätzlich möglich ist, angenehme Erlebnisse zu haben (das ist wichtig für den Kopf) und um den Körper mit seiner Empfindungsfähigkeit zu pflegen (das ist wichtig für den Körper und die Gefühle).

 

  1. Alles stoppen, was triggert. Jetzt!

Jede neue unangenehme Erfahrung retraumatisiert das ohnehin geschädigte Nervensystem. Es ist unsinnig, immer wieder die eigenen Grenzen zu überschreiten und etwas zu tun, was unangenehm ist oder sogar triggert. Es macht alles nur noch schlimmer!

Das können bestimmte Berührungen sein, Küsse, Worte, oder ritualisierte Handlungen innerhalb der sexuellen Aktivität. Manche triggert Sex im Schlafzimmer, weil sie im Schlafzimmer als Kind Übergriffe erlebt haben, manche die Dunkelheit, manche das Licht, die Liste ist endlos. Solange ein bestimmter Trigger ausgelöst wird, macht es keinen Sinn so weiter zu machen in der Hoffnung, dass das irgendwann aufhört. Alles was passiert ist, dass Seele und Körper taub werden. Wie bei der ursprünglichen Traumatisierung.

 

  1. Das traumatische Material bearbeiten

Es lohnt sich, das eigene traumatische Material zu bearbeiten. Es ist manchmal schwierig, einen geeigneten Therapieplatz zu finden. Es ist schmerzhaft, sich der eigenen Geschichte und dem eigenen Seins-Zustand zu stellen. Es dauert manchmal lange, bis sich Veränderungen einstellen. Aber was ist die Alternative? Auf Spontangenesung hoffen? Immer so weiter wurschteln?

 

  1. Die eigenen Vorstellungen von Sexualität prüfen.

Ich bekomme immer wieder Geschichten erzählt, bei denen mir Menschen berichten, dass Sexualität sie triggert. So gut wie immer triggert. Wenn ich nachfrage, was da genau passiert, bekomme ich häufig Antworten, die sich komprimiert so zusammenfassen lassen:

Das, was da stattfindet, ist keine dialogische, gewaltfreie, zugewandte und achtsame Sexualität, sondern die modifizierte Fortsetzung von gewaltsamen oder achtlosen Erfahrungen aus der Vergangenheit. Oder:

Das, was da stattfindet, ist die Realisierung von Vorstellungen darüber, wie Sexualität sein soll und nicht der Ausdruck eines inneren Bedürfnisses. Da werden stur Handlungsabfolgen abgespult, die durch Gesellschaft und Medien ein dominantes Bild im Kopf der jeweiligen Person erzeugt haben, die aber keine Schnittmenge zur tatsächlichen sexuellen Bedürfnislage aufweisen.

Die Ausformulierung der eigenen Wünsche und Vorstellungen ist hilfreich. Für sich selbst und für das sexuelle Gegenüber.

 

  1. Habe ich den geeigneten Spielkameraden respektive Spielkameradin (oder einen Menschen, der sich nicht im binären System wiederfindet)?

Hat mein sexuelles Gegenüber Interesse an einer dialogischen, ergebnisoffenen und achtsamen Sexualität? Oder zumindest die Bereitschaft, eine solche zu entwickeln? Zeigt die Kompassnadel meines Gegenübers in die gleiche Richtung?

Falls ja: Herzlichen Glückwunsch! Falls nein: Nur im Märchen werden durch Küsse aus Fröschen Prinzen.