Es geht darum, das Verbrechen beim Namen zu nennen und nicht um Wortspielereien. Und das hat etwas mit Gewalt zu tun und nicht mit Sexualität. Sexualisierte Gewalt ist daher die treffende Bezeichnung.

 

Sexualisierte Gewalt versus sexueller Missbrauch: Die Karriere eines Irrläufers

Die Keyword-Analyse der Suchmaschine Google offenbart die sprachliche Orientierungslosigkeit und Verwirrung um die Begriffe. Der Suchbegriff sexueller Missbrauch wird viermal so häufig angefragt wir die Begriffe sexuelle Gewalt oder sexualisierte Gewalt.

 

Sprache und Realität

Wir generieren als Menschen Wirklichkeit durch Sprache. Der Begriff sexueller Missbrauch impliziert zweierlei: Es geht um Sexualität und es geht um einen Missbrauch, der aber auch implizit einen Gebrauch als Alternative anbietet. Beides ist falsch und verharmlost und verfälscht den Tatbestand. Der Begriff sexuelle Gewalt beinhaltet immerhin schon die Gewalt, er beinhaltet aber auch Sexualität. Ein sprachliches Paradox mit erstaunlicher Verbreitung.

 

Zum Verhältnis von Sex und Erregung

Die Invasion des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren ist sexualisiert und nicht sexuell, da es sich nicht um die Sexualität beider Akteure handelt, sondern um einen nur manchmal konkreten, oft aber diffusen Erregungszustand des Täters, den dieser entladen will und der fälschlicherweise mit Sexualität gleichgesetzt wird, weil in den Handlungen Geschlechtsteile vorkommen oder Worte, die aus der Erotik geliehen sind. Noch perverser ist nur noch die fehlerhafte Decodierung von sexualisierter Gewalt als Liebe. Das Opfer hingegen hat schlicht Angst, sofern es diese in dieser bedrohlichen Situation spüren kann.

Die einzige Energieverbindung, die bei sexualisierter Gewalt stattfindet, ist die durch die Attacke beim Täter hervorgerufene Erregung mit der Angst des Opfers.

Das ist nicht Sex. Das ist Gewalt.

Ich habe mal versucht, das in knapp zwei Minuten auf den Punkt zu bringen.

 

Sexualisierte Gewalt lässt das Opfer die Luft anhalten oder hyperventilieren

Falls das Opfer trotz des Übergriffs dennoch atmet, hat es wahrscheinlich längst den Köper verlassen und ist in weiten Teilen dissoziiert. Oft hat das Opfer der Gewalttat den Rest seines Lebens damit zu tun, die Energie des Angriffs in seinem System zu neutralisieren.

 

Sexualität lässt die Akteure entspannt ein- und ausatmen

Sexualität findet statt, wenn diese dialogisch im Einvernehmen beider Akteure vollzogen wird und gewalt- und manipulationsfrei stattfindet. Dann entsteht die Verbindung der sexuellen Energien zweier Menschen, was von den Akteuren als ein positiv wahrgenommener Seins-Zustand beschrieben wird. Ein Zustand, den Menschen, die sich durch Grenzüberschreitungen erregen, vermutlich gar nicht kennen. Erregung durch Grenzüberschreitung ist ein weit verbreitetes Phänomen, das von den Tätern bagatellisiert und als Sexualität umcodiert wird.

 

Dialogische Sexualität schließt das Übertreten der Alters- oder Hierarchiegrenze aus

Eine Grenzüberschreitung liegt auch vor, wenn einer der beiden Akteure minderjährig oder vom anderen abhängig ist, da dies eine dialogische Sexualität auf Grund des Machtgefälles zwischen den Akteuren unmöglich macht.

 

Mein Beitrag zur Verwirrung

Für den Untertitel des Dehmers verwendete ich zähneknirschend den Begriff sexueller Missbrauch. Ich priorisierte die assoziativen Möglichkeiten des Rezipienten vor der begrifflichen Präzision. Es sollte beim Blick auf den Titel sofort verstanden werden worum es geht. Sexualisierte Gewalt erschien mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend massenmedial kommunizierbar. Hier geht’s zum Blick ins Buch.

 

Sexualisierte Gewalt bleibt sexualisierte Gewalt

Die Dinge beim Namen zu nennen hilft den Betroffenen. Den sprachlichen Weichspüler und Verdreher zu verwenden hilft den Tätern. Sprachliche Wirklichkeit wird von uns allen gestaltet.