Sprache verbindet, oder: Kommunikation ist möglich!

Zu mir hat mal jemand gesagt: Ich habe den Eindruck, dass dir die Beschäftigung mit diesen toxischen Themen wie Trauma und sexualisierte Gewalt Spaß macht! Und ich habe geantwortet: Ja, genau so ist es! Es macht mir Spaß, Licht ins Dunkel zu bringen und aus Fragmenten komplette Bilder zu gestalten.

Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, vor allem über Themen, die herausfordernd sind, die tabuisiert sind und für die es manchmal noch keine Sprache gibt, das ist es, was mich heute am meisten interessiert. Damit Kontakt und Kommunikation entstehen. Damit das Unaussprechliche besprechbar wird. Damit systemische Strukturen zum Wohle aller modifiziert werden können. Damit die Folgen von Gewalt und Trauma in unserer Gesellschaft bei Licht betrachtet und in unsere individuelle und kollektive Wirklichkeit integriert werden können. Damit scheinbar verfahrene und unerträgliche Situationen veränderbar werden.

Damit wir ein Teil der Lösung werden können. Für uns selbst und für andere.

1969: Los geht’s!

Als Kind lebte ich mit meinen Eltern im Südhessischen. Mit zwölf Jahren änderte sich das  und ich wurde Schüler der Odenwaldschule.

Odenwaldschule: Dissoziation im State of Excellence

Sexualisierte Gewalt, ideologischer Missbrauch und emotionale Verwahrlosung waren die Lebenswirklichkeit, mit der ich in den Jahren bis zum Abitur konfrontiert war. Schwer traumatisiert und alkoholabhängig verließ ich mit 19 Jahren das reformpädagogische Vorzeigeinternat und zog in die Stadtmitte von Frankfurt am Main.

Wieso? Weshalb? Warum?

Die Folgen des Traumastresses machten es schwierig für mich, die Welt und die Menschen in der Gegenwart wahrzunehmen. Jeder Tag und jede Lebenserfahrung fühlte sich an wie eine Wiederholung meiner traumatischen Erlebnisse. Ich war geplagt von Albträumen, Anspannung, Angst, Depressionen und Gefühlen der Überforderung, die sich in heftigen Zornausbrüchen entluden. Meine Vergangenheit hatte mich fest im Griff. Ich nahm die Welt als meinen Feind wahr und gleichzeitig sehnte ich mich nach Kontakt, nach Liebe und Beziehung. Ich wollte einen Beruf ausüben und meinen Hobbies nachgehen. Ich sehnte mich nach Normalität und nach innerer Freiheit. Ich wollte einfach Sein.

Innenweltbegehung mit Kompass

Die Reise durch meinen eigenen Dschungel aus Erinnerungen und Gefühlen sollte viele Jahre dauern. Ich machte dabei die Erfahrung, dass die Transformation meiner Traumata die Basis für tiefe Veränderungen in meinem Leben ist. Den intellektuellen Zugang zu dem Thema zu finden fiel mir leicht, meine damit verbundenen Gefühle als ein Teil von mir zu spüren, erforderte viel Geduld und Mitgefühl für mich selbst.

In Kontakt zu sein mit meiner Intellektualität, meinem Körper und meinen Gefühlen zum gleichen Zeitpunkt war für mich der Schlüssel zur Genesung. Meine Erfahrungen damit möchte ich gerne mit anderen teilen.

Ich kann sagen: Es lohnt sich!

Odenwaldschule 2.0

Der Prozess über die Aufdeckung des pädagogischen Totalschadens der Odenwaldschule mit der hundertfach verübten sexualisierten Gewalt an Schutzbefohlenen als Gipfel der Perversion, war eine sehr intensive und lehrreiche Phase in meinem Leben. Diese Jahre haben mich als Person und für meine Arbeit mit Menschen sehr bereichert [sic!]. Die Auseinandersetzung mit anderen Betroffenen sexualisierter Gewalt, mit den Vertretern des Tätersystems, den Wegschauern, mit Journalisten, Juristen und Psychotraumatologen haben es mir möglich gemacht, die Themen Macht, Sexualität, Gewalt, Ideologie und Trauma in ihrer Komplexität zu begreifen.

Examina und andere Zettel

Mein beruflicher Weg führte mich nach Trainertätigkeiten im Sport in die Schule. 16 Jahre unterrichtete ich Schülerinnen und Schüler in Sport und Politik/Wirtschaft und arbeitete mit Studierenden in der Lehrerausbildung an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Ich bin Mediator, systemischer Supervisor und Familientherapeut. Derzeit bin ich Teilnehmer der Ausbildung für Somatic Experiencing, einer Methode zur Heilung von Traumata, die ich im Herbst 2017 abschließen werde.

Versuch einer Ethik in 172 Zeichen

Heute begreife ich das Leben als einen Prozess, bei dem es darum geht, mit dem zu sein was ist. Ich freue mich über alle, die ein Stück des Weges mit mir gemeinsam reisen.