Wenn zwei das Gleiche tun ist es nicht dasselbe. Oder doch? #metoo und die Fallstricke.

2004 – Der Filmproduzent Harvey Weinstein geht mit der 21-jährigen Schauspielerin Asia Argento in ein Hotelzimmer und begeht an Ihr Oralverkehr. Asia Argento beschreibt das Szenario als Übergriff und bezeichnet sich selbst in Folge dieses Erlebnisses als traumatisiert.

2013 – Die 37-jährige Asia Argento geht mit dem 17-jährigen Schauspieler Jimmy Bennett in ein Hotelzimmer und begeht an ihm Oralverkehr. Jimmy Bennett beschreibt das Szenario als Übergriff und bezeichnet sich in der Folge dieses Ereignisses als traumatisiert.

 

Zerstörte Grenzen zerstören Grenzen

Wenn Menschen durch sexualisierte Gewalt traumatisiert werden, ist die nachhaltige Beschädigung ihrer Grenzen meist eine Konsequenz. Und zwar in alle Richtungen. Diese Menschen können schlecht oder gar keine Grenzen mehr setzen, verlieren aber auch häufig das Gespür für die Grenzen anderer. Auf der emotionalen, körperlichen, kognitiven und sexuellen Ebene. Viele werden zu gerissenen Manipulationskünstlern und Manipulationskünstlerinnen. Manchmal merken sie es. Manchmal nicht. Manchmal ist es ihnen auch einfach scheißegal. #metoo ist ein Sammelbecken von Grenzzerstörungen.

Um eventuellen, unzulässigen Interpretationen an dieser Stelle entgegenzuwirken: Menschen, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, werden nicht automatisch Täter oder Täterinnen und begehen sexualisierte Gewalt an anderen. Diese Monokausalität kann nicht abgeleitet werden. Aber alle anderen Entgrenzungen, Verstrickungen, Verdrehungen, Projektionen und sonstigen Verluste eines gesunden Ichs, Dus und Wirs sind sehr wahrscheinlich. Das ist Mechanik und nicht Meinung. Das ist nicht gut oder schlecht, sondern die Reaktion des menschlichen Nervensystems auf eine extreme Erfahrung.

 

Die Lösung zu einer gewaltfreien Welt liegt – wie so oft – zunächst bei uns selbst

Wenn Menschen traumatische Erfahrungen gemacht haben, ist es für die Basis eines gewaltfreien Lebens essentiell wichtig, dass die eigenen beschädigten Grenzen wieder repariert werden. Um uns abzugrenzen. Und um die Grenzen anderer wieder zu spüren und zu respektieren.

 

Von Kreuzrittern und Nabelschauern

Ein Teil der Aktivisten im Kampf gegen sexualisierte Gewalt kämpft einen heiligen Krieg gegen das Böse, in dem bekanntlich alles erlaubt ist. Der Zweck heiligt die Mittel. Die heftigsten verbalen Grenzüberschreitungen, den größten Verrat an gemeinsamen Zielen und ein beispielloses Hauen und Stechen um die Gunst anderer habe ich in den letzten beiden Jahrzehnten im Kontakt mit Betroffenen sexualisierter Gewalt erlebt, die in die öffentliche Auseinandersetzung involviert waren und sind. Und zwar untereinander.

Andere Aktivisten sind in ihren Handlungen im außen zwar zielgerichtet und erfolgreich in ihren Aktionen, vernachlässigen aber sich selbst, sind ausgebrannt, einsam und verbittert und weit davon entfernt ein gutes Beispiel für ein gelungenes Leben zu sein.

Im krassen Kontrast dazu treffe ich Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten und die sich, nachdem ihnen ihre Heilung gelungen war, ins Privatleben zurückzogen und es sich gemütlich gemacht haben. Keine Konfrontation mit den Tätern. Kein öffentlicher Beitrag zum Schutz der nächsten Generation. Keine Weitergabe der Erfahrungen und Erkenntnisse. Nach mir die Sintflut.

#metoo ist eine Kampfgemeinschaft. #metoo ist der kleinste gemeinsame Nenner.

 

Der Kampf im außen und die Heilung im innen sind die beiden Seiten der selben Medaille

Ich kann im außen nur einen tatsächlich konstruktiven Beitrag leisten, wenn ich im innen im Kontakt mit allen meinen Anteilen und Erfahrungen bin. Ich kann nur in einer vollständigen Resonanz mit der Welt leben, wenn ich im innen den Raum für diese Schwingungen kultiviere. Mit allem was ich erlebt habe, mit allem, was ich jetzt erlebe und mit allem, mit dem ich eine gemeinsame Zukunft mit anderen Menschen gestalten möchte.

#metoo wünsche ich eine Zunahme an Diffferenzierungsvarianten.

 

Mehr über mich und meine Arbeit finden Sie auf meiner Homepage.