Auf meiner Reise durch Indien habe ich in elf Wochen mehr Geschichten erlebt, als in Europa in einem ganzen Jahr (oder manchmal länger), mehr Widersprüche aushalten müssen als (fast) in meinem ganzen Leben und für kleines Geld jeden Tag hervorragendes Essen serviert bekommen (oder mir an der Straßenecke geholt).

Für jemanden wie mich, der Menschenansammlungen nicht mag, dem es oft zu laut ist und der mit Enge nicht gut klarkommt ist dieses Land eine große Herausforderung. Und ich bin so froh, dass ich das Risiko dieser Reise eingegangen bin, denn ich bin so reich beschenkt worden. Vor allem mit Begegnungen und Geschichten.

 

Eine Handvoll aus 1,3 Milliarden

Von dem Motorradverleiher, der sich vor Lachen schüttelt, als ich ihm von der Vollkaskoversicherung meines Motorrads in Deutschland erzähle und der mir am Ende nicht wirklich glaubt, dass es so was tatsächlich gibt und der gar nicht versteht, warum ich zwei Motorräder beanstande – bei einem funktionierten die Blinker nicht, das andere hatte keine Spiegel – wo doch die Hupen bei beiden einwandfrei ihren Dienst verrichteten.

Von dem jungen Kerl mit der Statur eines Jockeys, der uns ein Zimmer vermietet und der meinen geschockten Blick ob des dreckigen und völlig heruntergekommenen Raumes nicht deuten kann und eilig beruhigend auf mich einzuwirken versucht, indem er mir zusichert, dass die beiden großen Betten wirklich nur für uns seien und er niemanden anders dazulegen würde und der, nachdem ich frage, ob das Zimmer gereinigt wurde sich auf die Brust schlägt und strahlend ruft: My cleaning! Während er dabei breit lacht, sind in seinem Mund mehr Betelnüsse als Zähne zu sehen. Am nächsten Tag schnappt er sich unsere Reiserucksäcke, einen vor der Brust und einen auf dem Rücken und flitzt in einem unglaublichen Tempo durch die engen Gassen der für den Verkehr unzugänglichen Altstadt zu unserem wartenden Taxi, so dass wir kaum folgen können ohne in die zahllosen Scheißhaufen zu treten. Meinen Vorschlag, ich könnte ja auch einen Rucksack tragen, wehrt er entschieden ab: I‘m strong! Ich verabschiede mich von ihm mit einem Männerhandschlag. Shankar. Der Starke.

Von dem Taxifahrer, der sichergehen will, dass wir rechtzeitig unseren Flug erreichen und der wegen eines Staus an einer Kreuzung kurzerhand auf die Gegenfahrbahn des doppelspurigen Highways mit einem Mittelstreifen aus Betonblöcken fährt und der sich dabei einfach eine Gasse durch den Gegenverkehr frei hupt. Adrenalinlevel: Oberes Niveau. Aber nur für den Gast aus der Fremde, die indischen Teilnehmer am Gegenverkehr begegnen der Situation mit Gleichmut und weichen einfach aus.

Von dem Mittzwanziger, der als Angestellter eines kleinen Lokals auf der Straße Essen verkauft und der 14 Tage am Stück, 13 Stunden am Tag arbeitet, um dann einen Tag frei zu haben, bevor sich dieser Zyklus wiederholt und den ich frage, ob er denn wenigstens an seinem freien Tag seine Familie besuchen würde. Four hours flight, antwortet er mir er traurig.

Von den hilfsbereiten Menschen, die mich nachts nicht einfach auf der Straße stehen lassen, sondern so lange bei mir bleiben und mit mir durch die Dunkelheit laufen, bis sie jemanden finden, der Englisch spricht und mich zu meiner Unterkunft bringt, nachdem ich mich verlaufen habe.

Von dem grauhaarigen Mann mit dem starren Blick, der in einem Hindu-Tempel Grasbüschel an die Besucher zur Fütterung der heiligen Kühe verkauft und meinen fragenden Blick beantwortet, indem er mit dem Finger auf das Gras, einen 20 Rupien Schein und die Kühe zeigt und tonlos sagt: Cow Eating.

Von den neun (sic!) Stoffverkäufern, die mich alle gleichzeitig beraten, um herauszufinden, welche Farbe mir am besten steht und die am Tag so viel Lohn erhalten, wie ich für die Menge Stoff bezahle, die ich für ein Hemd benötige. Doch damit nicht genug. Der Schneider näht mir ein Hemd für drei Euro, die Reinigung desselben hätte später im Hotel vier Euro kosten sollen. Zum Glück gibt es in Indien an jeder Ecke Handwaschmitel in Einmalportionen.

Von einem ehemaligen Banker aus Mumbai, der als Kind nicht verstand, warum die Protagonisten in Enid Blytons Werken an „wunderschönen Tagen“ zum Spielen nach draußen gehen und er als Kind dagegen immer im Haus geblieben war, bis es nachmittags abkühlte.

Von dem alte gebückten Männchen, das mich in Varanasi, dem heiligsten Ort der Hindus, an dem sie ihre Toten verbrennen, damit diese die endlose Schleife aus Tod und Wiedergeburt durchbrechen können, darauf hinweist, dass, wenn ich weiter bei den Verbrennungen zuschauen würde ohne zu spenden, ich schlechtes Karma anhäufen würde und er so freundlich wäre, diese Spende entgegenzunehmen.

Von den Familien, die hart arbeiten, um ihren Kindern eine gute Schulbildung zu finanzieren und sich auch nicht scheuen, das unter Umständen für Jahre in den Golfstaaten zu tun, von den Menschen, die auf der Straße betteln oder Kleinigkeiten verkaufen und dabei so alt und krank sind, dass sie in Europa in einem Hospiz wären, von den Kindern, die, vor allem auf dem Land, einfach vor mir stehen und mich mit großen Augen anstarren und von den Busfahrern, die über die Fähigkeit verfügen, in den Bergen, vor dem Überholen, um die Kurve zu schauen und zu sehen, dass kein Gegenverkehr kommt. Und von Vielen mehr.

 

Groß, Größer, Indien

Es war eine fantastische Reise. Ich habe mich in dieses Land und seine Bewohner verliebt. So viel Herzlichkeit, was für eine Vielfalt und so viele bereichernde Kontakte mit Menschen, die mich ein Stück auf dieser Reise begleitet haben, mich bekochten und transportieren, mir etwas von ihrem Land zeigten und mir ein Bett für die Nacht gaben. Oder einfach für einen Plausch stehenblieben und mir ihre Zeit schenkten. Einfach so. Ich habe gelacht, gestaunt, gefragt und gelitten, dass mir abends vor Rührung das Herz schmerzte.

Und es war viel. Viel zu viel. Ich hatte oft den Eindruck, dass alle 1,3 Milliarden Inder gleichzeitig auf der Straße unterwegs sind, auf dem Markt ihre Einkäufe erledigen oder auf die Hupe ihres Fahrzeugs drücken.

 

Primaten unter sich

Ich habe mich auf dieser Reise eigentlich immer sicher gefühlt, bin nicht betrogen, bestohlen oder ausgeraubt worden, wie es in vielen Reiseberichten versprochen wird. Die bezüglich meiner Unversehrtheit herausforderndste Situation entstand im Morgengrauen, als ich auf die Dachterrasse stieg, um die Stadt im Sonnenaufgang zu fotografieren und feststellen musste, dass dieses kleine Fleckchen hoch oben, mit Flussblick bereits im Besitz eines Primatenmännchens war, der mich, den Eindringling, sofort attackierte. Die Flucht war unmöglich, der Affe war zwischen mir und der Treppe. Ich antwortete ihm in seiner Sprache, machte mich groß, brüllte und tobte, drohte mit den Fäusten, dass mir die Brille vom Kopf flog. Erfolgreich. Der Affe türmte. Ab sofort war ich der Herr der Dachterrasse.

 

Völlig losgelöst…

Ich war auf dieser Reise so oft und so komplett ausgespaced[1] wie schon seit Jahren nicht mehr, in diesem Land der echten und der vermeintlichen Gurus, der Heimstätte des spirituellen Wachstums und der Pilgerstätten der Suchenden aus dem Westen. Mein System griff auf den Überlebensversuch des Dissoziierens zu, wenn alles andere nicht mehr möglich war. Ich konnte halt nicht mal so kurz nach Hause gehen und mich auf meinem Sofa ausruhen, wie ich es gerne gemacht hätte, wenn ich merkte, dass es mir reicht mit Sinnesreizen. Ich bin so dankbar, dass ich dissoziieren kann, wenn es notwendig ist. Nach Jahren des Ganz-Werdens war es total interessant, noch einmal so deutlich zu erleben, wie der Geist sich aus dem Hier und Jetzt in andere Sphären beurlaubt und ich erst wieder im Moment des Eintauchens in die Gegenwart bemerke, dass ich wegetreten war.

Was hätte ich sonst tun sollen, als ich eingequetscht im Mittelgang des öffentlichen Busses stand und nur deshalb noch etwas Luft bekam, weil ich einen kleinen Tacken größer bin als die meisten Inder, der Busfahrer aber an der nächsten Station anhielt und nochmal etwa zwanzig Menschen in den Bus einstiegen, so dass sich die Türen nicht mehr schließen ließen, weil mindestens eine Person an jeder Tür halb draußen hing oder sich gleich von außen am Bus festhielt? Oder wenn ich mit dem Motorrad im Berufsverkehr einer indischen Großstadt feststeckte und absolut nichts mehr an Vortrieb möglich war und die Inder als Standardlösung für jede Verkehrssituation auf ihren Hupen herumhämmerten und ich mir wegen des Helms auf meinem Kopf die Ohren nicht zu halten konnte? Oder wenn es so heiß und schwül war und so bestialisch stank, dass ich einfach nicht mehr einatmen wollte?

Ich hatte den Eindruck, den anderen um mich herum ging es genauso wie mir, dieses Land lässt einem einfach keine andere Wahl, als ab und zu mal in Gedanken in eine ganz eigene Welt abzutauchen. Das betrifft die Inder gleichermaßen wie die Besucher dieses Subkontinents. Unter unserer dünnen Oberfläche sind wir eben doch alle ziemlich gleich. Das Nervensystem kennt keine Hautfarbe, keine Kultur und keine Religion. Vielleicht können sich Menschen bis zu einem gewissen Grad an Lebensumstände gewöhnen und diese dann besser regulieren, aber was zu viel ist, ist zu viel.

 

Ich mach‘ mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt!

Ich verstehe jetzt auch, warum sich die esoterisch Interessierten hier so wohl fühlen und von einer nebulösen Spiritualität faseln, die sie hier überall zu finden behaupten. Endlich sind alle anderen um sie herum auch mal so dissoziiert wie sie selbst. Und reden genauso einen von Lebensrealitäten losgelösten Unsinn zusammen, dass es manchmal kaum auszuhalten ist. Da unterscheiden sich die pseudo-spirituellen Menschen aus dem Westen nicht von den religiösen Indern. Dabei spielt es keine Rolle, ob es Hindus, Moslems oder Katholiken sind, die da von der Erfüllung ihrer Gebete sprechen oder davon, warum ausgerechnet ihre Religion die besten Lösungen bereithält. Bei den Menschen aus dem Westen muss dann gleich das ganze Universum als Erklärungsrahmen für die offenen Fragen des Menschseins herhalten. Drunter machen sie es nicht.

 

Das Wort Gottes kommt durch den Verstärker

Allen Religionen gemein ist in Indien die Legitimation der nächtlichen Ruhestörung zur Verbreitung der frohen Botschaft. Der Muezzin ruft um 5.15 Uhr vom Dach der Moschee (mit Megaphon) und beendet die Nachtruhe in seiner Nachbarschaft für ein paar Minuten, die Priester der römisch-katholischen Fraktion brauchen anscheinend ein klein wenig mehr Anlauf und verbreiten das Wort des Herrn ab 5.45 Uhr (per P.A., die vor der Kirche aufgebaut ist, in einer Größenordnung, als würde Jimi Hendrix erwartet) und die Hindus schwören auf die Intervallbeziehungen zu den Göttern und beschallen nur tageweise, das dann aber rund um die Uhr.

Eine Gemeinsamkeit von allen Beschallern ist die Vorliebe für dreistellige Dezibelzahlen. Ich habe mehr als einmal im Morgengrauen fluchtartig das Hotelzimmer verlassen und Kilometer entfernt von der Schallquelle meinen Schlaf am Strand oder auf einer Wiese fortgesetzt. Terror im Namen des Herrn!

Beim Stichwort Religion steigt der Energielevel der sonst eher entspannten Indern bedeutsam an. Während die Religiösen in Deutschland eher in einem Paralleluniversum existieren, ist die indische Kultur durch und durch von Religion durchdrungen und liefert Erklärungen für alle Lebensfragen. Mein vorsichtiger Einwand gegenüber dem Wirt, dass der Erfolg des Restaurants vielleicht eher mit der exklusiven Strandlage und der hervorragenden Küche zusammenängt als mit seinen Gebeten, war ihm eher unverständlich. Aus anderer Quelle erfuhr ich dann später von den hohen Schmiergeldzahlungen, die für so ein Restaurant im Naturschutzgebiet gezahlt werden müssen. Wie erfrischend irdisch!

Als Ausdauerläufer mit Hundebisserfahrung bin ich begeistert von dem friedlichen Nebeneinander von Hund und Mensch. Dieses Land ist voll von schwanzwedelnden Vierbeinern, die sich am Strand oder am Straßenrand in Rudeln ihr Revier erobern. Kampfgeist wird in ihnen nur wach, sobald sich ein anderes Rudel nähert. Dann ist die Nachtruhe dahin. Mit den Menschen sind sie freundlich. Schön, dass das so geht.

Eine meiner Lieblingsmeditationen ist Motoradfahren. Zu Hause und anderswo. Es braucht Fokus, es braucht Verbundenheit mit meinem Körper und meinen Gefühlen und es braucht einen guten Kontakt zu meiner Intuition, um mich freudvoll und sicher unterwegs sein zu lassen. Sollten die Gedanken einmal tatsächlich spazieren gehen, einfach am Gashahn ziehen und ich bin wieder auf der Spur. Bin ich nicht voll anwesend, gibt es sofort eine Rückmeldung. Aufmerksamkeitstraining kann so viel Spaß machen!

In Indien sind die Bedingungen zum Motorradfahren absolut verschärft. Da ist kein Raum zum Wegdriften, kein Platz für Gedanken und kein bisschen Luft für alte Gefühle oder Erinnerungen. Völlig anders als beim Yoga oder beim Sitzen, das hier allerorts angepriesen wird. Da ist nur Fokus! Auf mich, mein Fahrzeug, die unglaublich schlechten Straßen voller Dreck und Schlaglöcher und natürlich all die anderen Verkehrsteilnehmer, die aus allen Richtungen gleichzeitig kommen und die Verkehrsregeln in jeder Situation neu gestalten. Vorfahrtsregel? Verhandlungssache! Linksfahrgebot? Was ist das? Und wo ist links? Ampeln? Dekoration. Sicherheitsabstand? Nie gehört. Und immer wieder der reflexartige Hieb auf die Hupe, der in Indien soviel bedeutet wie: Achtung, ich komme und keine aggressive Konnotation hat wie in Europa.

 

Massen-Event ohne Rußfilter

Verkehr in Indien ist eine Ensemble-Arbeit ohne Drehbuch und festgelegter Choreographie. Wenn irgendjemandem die Nerven durchgehen gilt das Recht des Stärkeren. Ein konstantes Training für die Sinne. Die Kunst besteht darin, zu erkennen, was in so einem Moment zu tun ist. Gruppenimprovisation. Darin sind die Inder extrem gut.

 

Ich komme wieder, keine Frage!

Nach 11 Wochen in Indien bin ich mit Erlebnissen voll. Ich muss verdauen. Mein System fängt an seine Erlebnisfähigkeit zu verlieren. Abstumpfungsprozesse setzen ein. Ich brauche Pause. Ich ziehe mich in ein japanisches Hotel in Neu-Delhi zurück und schlafe mich aus. Geplant war dafür eine Nacht, es wurde eine Woche. Als der Flieger in Neu-Delhi abhebt und ich Indien verlasse, weiß ich, dass ich wieder kommen werde.

[1] Umgangssprachlicher Anglizismus für Dissoziieren, auch bekannt als weggetreten, träumend, geistessabwesend.

 

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