Wenn zwei Menschen sexuell nicht zueinander passen, unterschiedliches sexuelles Verlangen in der Partnerschaft haben, unterschiedliche Bedürfnisse in Sexualität und Beziehung haben, kein sexuelles Match verspüren und eine Beziehung ohne Sexualität leben, ist das Paar herausgefordert und es stellt sich die Frage: trennen oder bleiben oder etwas ganz anderes. Sexuell passt es nicht! Was für eine heftige Erkenntnis.
Der Grund dafür liegt in der Natur der sexuellen Energie selbst. Das Bedürfnis nach Sexualität ist eine große Kraft im Menschen – und Kräfte dieser Größenordnung lassen sich nicht dauerhaft stillstellen, wegdiskutieren oder als niedere Energien dämonisieren. Sie brauchen Ausdruck und Befriedigung, wenn ein Mensch ein erfülltes Leben führen will. Wo dieser Ausdruck fehlt, entsteht ein Mangel, der den ganzen Menschen verändert und in Dysbalance bringt. Es ist dann eine Frage der Zeit, bis sich dieses Defizit an gelebter Vitalität die ganze Beziehung von innen heraus aushöhlt.
Wenn zwei Menschen sexuell nicht zueinander passen
In meiner Arbeit begegnet mir immer wieder dasselbe Muster: Paare, die aus guten Gründen zusammengekommen sind – erotische Anziehung, geistige Nähe, gemeinsame Werte, tiefe Zuneigung – die aber an der Schnittstelle Sexualität keine wirkliche Erfüllung miteinander finden. Am Anfang der Begegnung hat der Hormoncocktail des Verliebtseins die Brücke gebildet, die Sexualität freudvoll ermöglicht hat. Aber um sexuelle Tiefe zu erlangen, die weiter geht, braucht es mehr als das.
Wichtig ist die Unterscheidung: Manchmal haben beide sexuelles Interesse, eben nur unterschiedlich, manchmal ist aber auch einem der beiden Partner der Kollaps oder die Entfremdung von der eigenen Sexualität so weit fortgeschritten, dass die sexuelle Energie nicht mehr zu orten ist oder nur noch eine so schwache Ausprägung hat, dass die Person nicht mehr von innen heraus aufgefordert ist, diese in Interaktion zu bringen.
Es passt von der sexuellen Grundorientierung nicht zusammen
Manche Menschen wünschen sich in der Sexualität die Verschmelzung mit dem Partner. Äußerlich genauso wie energetisch. Ganz nah, ganz eng, umschlungen und innig küssend genießen sie den Sex mit dem Partner. Nach der heißen Phase lieben sie es, lange zu kuscheln und das Erlebte nachschwingen zu lassen.
Andere fühlen sich gut in der Reibung, sie müssen sich selbst gut spüren und den anderen gut spüren. Dann erst wird der Raum zwischen beiden erforschbar. Treten Verschmelzungstendenzen auf, hören sie auf sich selbst wahrzunehmen und die Erregung verschwindet. Sexualität wird lustvoll erlebt, wenn ein Ich mit einem anderen Ich den Tanz der Hitze feiert.
Passt die sexuelle Grundorientierung, kann die Forschungsreise beginnen, passt sie nicht, fängt das herumdoktern an der Beziehung an, wird versucht über Sextechnik Kontakt herzustellen und die Persönlichkeitsmuster pathologisiert. Vor allem die des Partners.
Aber was genau verbirgt sich hinter “sexuell passt es nicht” genau?
Es passt in der Qualität nicht zusammen.
Der eine wünscht sich eine vitale, dynamische, kraftvolle, körperliche Sexualität. Die andere sucht etwas Weiches, Zartes, Sanftes, Subtiles. Oder einer wünscht sich Abwechslung und Abenteuer, steht auf kinky Spielvarianten und hat viele wilde Wünsche, was er oder sie noch alles erleben möchte, während sein Gegenüber es sich am liebsten im Schlafzimmer gemütlich macht, die Gardinen zuzieht und die Kerzen anzündet.
Beides sind vollkommen legitime Formen, sexuelle Energie zu leben – nur echte Begegnung ist schwer möglich und die Akteure gleichen dem Löwen, der sich mit der Elfe zu paaren versucht.
Es passt in der Frequenz nicht zusammen.
Einer der beiden Partner wünscht sich viel Sexualität und braucht sie auch, um sich überhaupt als Teil dieses Paares zu erleben: um sich verbunden zu fühlen, geliebt zu fühlen, um der eigenen Energie einen Ausdruck zu geben. Der oder die andere braucht das schlicht nicht in dieser Häufigkeit. Ab und zu ist gut, mehr braucht es nicht. Sexualität ist eine Option, keine Grundlage, während für den anderen ohne die Grundlage alles nichts ist.
Warum Kompromisse hier nicht funktionieren
An dieser Stelle greifen Paare fast automatisch zu dem, was sonst überall hilft: Sie versuchen, sich in der Mitte zu treffen.
Meiner Erfahrung nach ist genau das zermürbend.
Denn Sexualität ist ein Bereich, in dem sich mit Willen wenig ausrichten lässt. Wenn das Bedürfnis nach einer bestimmten Form von Sexualität nicht da ist, dann ist es nicht da. Wenn das Bedürfnis nach häufiger Sexualität nicht da ist, lässt es sich nicht herbeientscheiden. Der Kompromiss bedeutet hier immer, dass einer sich verlässt oder versucht, den anderen zu überzeugen
Und so sieht das dann in der Praxis aus: Entweder macht einer etwas mit – in der Häufigkeit oder in der Qualität –, was er eigentlich gar nicht will und was gar nicht zu ihm passt. Oder der andere schneidet sich von seinen Bedürfnissen ab und sagt sich: Gut, dann haben wir eben nur wenig Sex. Dann haben wir eben einen Sex, den ich nicht besonders mag oder der mich nicht mit Leidenschaft erfüllt. Aber mehr kann mein Partner offensichtlich nicht geben.
Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe: Ausgerechnet dort, wo die Verbindung des Paares besonders wichtig wäre, wird diese Verbindung nicht wirklich gelebt.
Besonders schmerzhaft wird es, wenn einer von beiden sagt: Sexualität war am Anfang schön, aber jetzt brauche ich das nicht mehr. Für den anderen ist es dann eine Qual, in einer solchen Partnerschaft zu leben. Sexuell passt es nicht. Nicht mehr.
Sexuell passt es nicht!
Das ist für das Paar eine heftige, schmerzhafte und weitreichende Erkenntnis. Das kann jeder und jede selbst ausprobieren. Erst sage ich es still zu mir, dann laut zu dem anderen: Sexuell passt es nicht! Starke Gefühle und ein Gedankenstrom sind dann oft die Folge, mit der umzugehen alle Ressourcen benötigt.
Und ich sage manchen Paaren durchaus: Vielleicht wäre eine Trennung ehrlicher, als sich an einer Stelle abzumühen, an der guter Wille nichts ausrichten kann.
Der bewusste dritte Weg
Manche Paare wählen einen anderen Ausweg: Sie lagern Sexualität aus der Partnerschaft aus. Einer von beiden sucht sich außerhalb der Beziehung einen Sexualpartner – oder beide tun es.
Das kann tragfähig sein. Die Haltung dahinter lautet dann: Wir haben eine gute geistige Ebene, wir verstehen uns, unsere Herzensebene ist stark, die Liebe ist groß. Wir bleiben zusammen – vielleicht auch, weil wir Familie sind, oder weil uns die Art, wie wir miteinander leben, einfach gefällt.
Entscheidend ist aber eines: Das muss als bewusster Schritt vollzogen werden. Nicht als heimliches Ausweichen, nicht als stillschweigende Duldung, sondern als eine Vereinbarung, die beide wirklich getroffen haben.
An dieser Stelle braucht es viel Bewusstsein, gelingende Kommunikation über den Veränderungsprozess und die Bereitschaft, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.
Wenn es passt: pflege, was du liebst
Und dann gibt es die andere Situation. Ein Paar hat ein gutes sexuelles Match. Gerade am Anfang spüren beide: Ja, genau das. So habe ich mir das immer gewünscht. So macht es mir Freude, so fühle ich mich erfüllt, so bin ich befriedigt. Genau so ist es gut.
Wenn du das kennst, dann bist du gut beraten, es zu pflegen. Ein gutes sexuelles Match ist ein Geschenk vom Leben. Manche kommen es öfter geschenkt, andere selten oder sogar nie.
Denn es ist kein Selbstläufer. In jeder Partnerschaft beginnt irgendwann das biografische Material zu wirken. Die Konflikte kommen. Alte Verletzungen melden sich. Und genau dann entscheidet sich, ob die sexuelle Verbindung überlebt. Und ganz besonders bei denen, die ein gutes sexuelles Match haben, scheint die biografische Erfahrung (die bestehenden Traumata) besonders heftig ihre Wirkung zu entfalten.
Es braucht deshalb dreierlei:
- Konflikte gut lösen. Nicht aussitzen, nicht überspielen – sondern wirklich bearbeiten, damit sich nichts anstaut, was die Nähe blockiert.
- Ein gutes Setup für eure Partnerschaft finden. Wann habt ihr Zeit miteinander? Wann hat jeder Zeit für sich? Wann seid ihr mit anderen zusammen?
- Der Sexualität einen Raum geben. Verbindung entsteht nicht in den Resten des Tages. Sie braucht Platz, den ihr ihr bewusst einräumt.
Wenn das gelingt, bleibt diese wertvolle Essenz der Verbindung erhalten. Und wird zu einem Teil dessen, was euch als Paar in eurer Einzigartigkeit ausmacht.
Zu diesem Thema kannst du dir auch mein Video auf YouTube anschauen.
Wenn du in deiner Partnerschaft an einem dieser Punkte stehst und nicht weiterkommst: In meiner Praxis für Sexualität, Trauma und Partnerschaft begleite ich Paare und Einzelpersonen genau bei diesen Fragen.

